Wer hat hier Angst vor der Wut? Über das Wegsehen und den kindlichen Wunsch gesehen zu werden

//Wer hat hier Angst vor der Wut? Über das Wegsehen und den kindlichen Wunsch gesehen zu werden

Wer hat hier Angst vor der Wut? Über das Wegsehen und den kindlichen Wunsch gesehen zu werden

Dieser Text entsteht als Reaktion auf Reaktionen zu diesem wie ich finde anregenden Artikel von Jeannie von Mini and Me. Sie schreibt auf nachdenklich machende Art über die Reaktion auf kindliche Aggression und wirft die Frage auf, ob man sich nicht doch auch von einem kleinen Kind hauen lassen könnte, um zu signalisieren, dass auch die Wut ausgehalten wird. Das führte dazu, dass sich einige Eltern empört über den Untergang der zur Selbstkontrolle erzogenen Kinder zeigten und mutmaßten, dass so „erzogene“ Kinder gewälttätig und zu Narzissten würden.

Susanne Mierau von geborgen wachsen hat ebenfalls sehr wunderbar darauf Bezug genommen und dargestellt, dass es nicht darum geht, ob wir Grenzen setzen, sondern WIE wir das tun. Sie spricht mir damit aus der Seele und geht wunderbar auf die Notwendigkeit von ausgesprochenen und verteidigten Grenzen ein, wenn man möglichst allen genügend Raum geben will.

Mit meinem Text  möchte ich nochmal einen Schritt weiter gehen und die in den Kommentaren aufgenommene Angst vor hoffnungslos unkontrolliert um sich schlagenden Kindern betrachten.  Zusammengefasst bin ich der Meinung, dass ein wie auch immer geartetes Ignorieren von Wut auch nicht sinnvoller ist als ein Ausschimpfen. Wenn ich einem Kind das Gefühl geben will, dass ich es ganz annehme, wie es ist, dann kann ich auch seine Wutgefühle nicht ignorieren, sondern MUSS auf diese reagieren, muss sie irgendwie begleiten und zeigen, dass ich sehe, was da gerade passiert. Je nach eigenem Standpunkt lassen sich die einen Eltern dann eben hauen, geben ein Wutkissen oder setzen eine andere Art der Grenze und zeigen, dass sie wahrnehmen. Warum ich das für wichtig halte, dass die kindliche Aggression gesehen und darauf reagiert wird, erfahrt ihr im Text.

Aggressionen können Angst machen… und krank

Aggressionen  mit den dazugehörigen Gefühlen von Wut, Ärger, Zorn und Groll machen vielen Menschen Angst, insbesondere wenn diese Gefühle in nahen Beziehungen auftreten und das tun sie einfach manchmal. Wir können nicht immer alles so haben und bekommen, wie wir das wollen. Eltern wissen das, wenn es um ihre Kinder geht, aber ehrlicherweise verlangen viele von ihren Kindern manchmal mehr als von sich selbst. Wenn solche aggressiven Gefühle nicht da sein sollten, dann sind sie nicht etwa nicht da, sondern sie werden nicht mehr gespürt. Es ist nämlich vollkommen normal auf Frustration irgendwie geartete aggressive Gefühle zu fühlen (und wenn wir reif genug sind, sprechen wir dann „einfach“ drüber).

Nicht gespürte Gefühle werden entweder ausagiert (huch, warum habe ich denn drei Unfälle in vier Monaten verurascht?) oder aber auf innerpsychische Art und Weise abgewehrt mit Hilfe der so genannten Abwehrmechnismen (ich weiß gar nicht, warum mir in letzter Zeit immer alles so egal ist und ich keine Freude mehr empfinde- das wäre die autoaggressive Abwehr, die vielen depressiven Störungen zu Grunde liegt oder aber „oh, mein Blutdruck steigt schon wieder, ich brauche wohl Betablocker“). Die Rolle der unterdrückten Aggressionen ist deshalb bei den meisten psychischen Störungen eine ziemlich ausschlaggebende. Für jeden ist die Erfahrung ganz individuell und jeder erlebt eine Situation anders. Aber es gibt natürlich Ähnlichkeiten bei bestimmten Störungen. Bei den Depressionen oder bei der Somatisierung werden Aggressionen nach innen gegen sich selbst gerichtet, obwohl eigentlich oftmals jemand Anderes gemeint ist. Das ist aber eben nicht zwingend eine konkrete äußere Person, sondern viel eher eine „innere Objektrepräsentanz“, also das Bild der anderen Person im eigenen Inneren. Unsere persönliche Innenwelt entsteht neben den eigenen und individuellen Fantasien durch die vielen Beziehungserfahrungen, die wir machen, vornehmlich natürlich mit unseren Eltern. Wir verinnerlichen so, wie wir uns von Mutter/ Vater behandelt gefühlt haben (Objektrepräsentanz), wie wir in diesen Sitautionen waren (Selbstrepräsentanz) und diese beiden Teile sind durch ein Gefühl verbunden.

Als Beispiel könnte jemand verinnerlicht haben, dass seine Wut dazu führt, nicht geliebt zu werden: Immer wenn Mama gemerkt hat, dass ich ärgerlich war, hat sie mich in mein Zimmer geschickt. Ich war so hilflos, weil ich nicht wusste, wohin mit meiner Wut, ich hatte Angst, dass meine Mama mich nicht mehr lieb hat, wenn ich so böse bin.

Als Eltern legen wir den Grundstein dafür, was unsere Kinder von der Welt erwarten. Die durch Erfahrung geschaffene Innenwelt wird nämlich sozusagen zur Blaupause dessen, was sie sich von der Welt und anderen Menschen erhoffen oder auch befürchten.

Da die Beziehung, eben nicht nur die äußere, sondern auch die verinnerlichte, geschützt werden müssen und vielleicht dazu noch die Überzeugung besteht, so „böse“ Gefühle nicht zu haben/ haben zu dürfen, fristen diese Gefühle ungesehen im Inneren ihr schädliches Dasein, weil sie nicht dazu führen, dass Verantwortung übernommen wird für sich selbst.

Frustration macht erstmal wütend und das ist ok, das darf sein, wir müssen das spüren dürfen. Denn nur, wenn wir das fühlen, können wir uns mit der Quelle auseinandersetzen und für uns sorgen. Dazu ist es notwendig, dass wir uns abgrenzen können und unsere Gefühle bei uns lassen und die des Gegenübers beim Gegenüber. Das sind nicht unsere, sondern meine oder deine Gefühle, über die wir ins Gespräch kommen und die wir, je nach Empathiefähigkeit, nachfühlen können oder eben nicht. Auch wenn wir ein ähnliches Gefühl empfinden, so ist das doch aus unterschiedlichen Gründen und Beziehungserfahrungen heraus.

Was passiert denn aber, wenn einem Kind signalisiert wird: sei kein böses Kind, ich will dich so nicht? Geh weg und komm wieder, wenn du brav bist.

Es gibt ein ergreifendes Gedicht von Erich Fried, Dich. Eine Passage lautet:

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dieser unterdrückte Ärger muss irgendwohin. Man kann ihn nicht einfach in die Welt rausschleudern. Wir sehen täglich in den Nachrichten, wohin das führt. All die wirklich malginen Narzissten, die vierlerorts regieren, zerstören und zerstören immerfort. Dass man die Wut nicht einfach ungefiltert rausschleudert ist etwas, was man durch die Beziehungserfahrung lernt.

Irgendwie müssen wir einen Weg finden- das muss nicht verbal sein- folgende Botschaften an unser wütendes Kind zu vermitteln :

„Warte, Stopp! Du kannst hier niemanden verletzten, das lasse ich nicht zu“ (hier gehen die Meinungen wahrscheinlich auseinander)
und  
„oh herrjemine, du bist aber gerade so so wütend“  
und 
„ich bin und bleibe da, du darfst dich mir mit deiner Mordswut zeigen“.

Ich glaube, dass es wirklich wichtig ist zu zeigen und zu fühlen, dass ALLE Gefühle erstmal vollkommen ok und aus der Perspektive nachvollziehbar sind, dass es aber vielleicht schwer ist, sie zu beherrschen und dass wir gerade dann dafür auch da sind. Das Kind wird diese Haltung für sich immer mehr übernehmen.

Wenn ein Kind schlägt

Das kommt vor. So einfach ist das. Kleine Kinder schlagen aus unterschiedlichen Gründen, meistens aus Wut und emotionaler Überforderung mit ihr, aber auch verschiedene andere Gründe kommen in Frage. Es ist unsere Aufgabe als Eltern, das angemessen zu begleiten. Wir dürfen und müssen sogar Grenzen setzen, wenn uns ein Verhalten stört oder emotional oder körperlich verletzt, da muss jeder für sich selber entscheiden, wo diese Grenze liegen soll. Wir müssen aber jeweils die eigenen Grenzen spüren und sie unserem kindlichen Gegenüber altersentsprechend mitteilen.

„Bitte lass das, ich möchte das nicht!“

Ein Kind versteht das vielleicht nicht. Das muss uns als Eltern nicht ärgern und wir müssen auch nicht gleich mit dem Kopf auf die Tischplatte hauen. Natürlich könnte man mit besonders scharf- schneidender und lauter Stimme deutlich machen, dass das jetzt absolut unangemessen ist oder das Kind rausschicken.

Mein Kind braucht mich aber als Mutter, die die Kraft hat und es ausHÄLT, gerade jetzt.

An dieser Stelle wird es zig Ratschläge geben und jeder wird sicherlich den für sich passenden finden. Ich persönlich mag die verhaltensbasierten Lernmethoden im Sinne von Strafe und Belohnung nicht besonders, wobei man sich heute einig ist, dass es aus ethischen und moralischen Gründen nur noch Belohnung, aber keine Strafen mehr geben sollte. Statt mit der direkten Strafe wird- ebenfalls in dem verhaltensorientierten Ansatz- Löschung angewandt. Das heißt, dass alle das Verhalten verstärkenden Faktoren (wie auch Aufmerksamkeit einer ist) bei unerwünschtem Verhalten zurückgenommen werden. Im Bezug auf die Kindererziehung bedeutet das, gar nicht oder minimal auf ein Kind zu reagieren, wenn es schlägt. Das alles hilft auf der Verhaltensebene mit Sicherheit, dass ein Kind ein unerwünschtes Verhalten bald nicht mehr zeigt.

Ich persönlich mag das nicht als (alleinige) Lösung, weil ich es bei vielen so empfinde, dass, wenn das störende Verhalten/ das Symptom erstmal weg ist, man darüber nicht mehr nachdenken muss und genau deswegen mag ich den Text von Mini und Me. Sie sagt: guckt hin, fragt euch, was da passiert, was in dem Kind vor sich geht, geht in Beziehung und seid in Kontakt. Ob das nicht schwer ist? Ja klar! Wir müssen in uns selber fest und kraftvoll, uns ausgeruht und unterstützt fühlen. Ich weiß, dass das ein hohes Ideal ist und es gibt Tage, da geht das einfach nicht. Aber das ist nicht schlimm. Es geht nicht darum, immer perfekt zu begleiten, aber es geht darum, einen Blick für die eigene Fehlbarkeit zu haben. Darüber hinaus verstehe ich oft diesen Ansatz des Ignorierens eben auch als nichts Anderes als dass das endlich aufhören soll mit dem Hauen, beißen, kratzen. Darf denn ein Kind nicht die Rückmeldung bekommen, dass es da gerade ziemlich aggressiv ist? Ist es nicht doch auch wichtig, dass ich als Mensch ein Gefühl dafür bekomme, wann ich aggressiv bin und andere verletze? Diese Einnahme der Perspektive eines Anderen (Empathie, theory of mind „jemand Anderes denkt und fühlt anders als ich“) entwickelt sich um den vierten Geburtstag, aber: es kommt nicht von alleine, dass ein Mensch dann empathisch wird, sondern dafür braucht es die Empathieerfahrung (mit sich von anderen und vorgelebt auch an anderen)

Natürlich verhindere ich auch, dass- insbesondere andere- von meinem Kind geschlagen werden. Ich unterbreche- meist proaktiv- die Handlung und werfe mich dazwischen, wenn der oder die andere nicht reagieren kann. Ich nehme mein Kind dann aus der Situation raus und versuche, mit meinen Worten und meinem Körper einen haltenden Rahmen für diese überfordernden Gefühle zur Verfügung zu stellen. Ich schimpfe nicht, ich sage aber, dass ich das gerade nicht gut finde, aber erst, wenn Ruhe eingekehrt ist.
Ich sage von Anfang an vorallem eins: du bist gerade sehr wütend. Ich mutmaße, warum das so ist. Ich bin in direkter Beziehung und versuche Worte für die Gefühle zu finden, die mein Kind noch nicht ausdrücken kann. Ich muss das in dem Moment nicht gut finden, was mein Kind da macht, aber ich muss zeigen: hey, ich bin da, egal wie blöde das gerade ist. Das macht eine Mama, das macht ein Papa, ein Therapeut. Das muss nicht die Nachbarin, nicht die Oma, nicht der Postbote oder sonstwer, aber die Mama und der Papa müssen das. Das Kind darf unterschiedliche Erfahrungen machen, es soll es doch sogar.

Seid also geduldig mit euch und euren Kindern! Es geht nicht um das Ziel, sondern um den gemeinsamen Weg.

In den nächsten Wochen kommt der zweite Teil zu diesem Themenbereich, die Frage was unsere Kinder zu Narzissten machen könnte!

Ich freue mich wirklich, wenn ihr uns hier oder auf Facebook eure Gedanken und Erfahrungen mitteilt und wir miteinander ins Gespräch kommen. 
Besucht uns gerne auch auf Terrorpüppi bei Facebook, wo wir dem geneigten Leser versuchen allerlei Neuigkeiten und interessante Links aus verschiedenen Bereichen zu Beziehungen zu und mit Kindern bereitzustellen.
Madame FREUDig


Madame FREUDig ist als Psychologin und Psychotherapeutin an fundierten Darstellungen interessiert. Sie hat mit allen Altersgruppen von 0- 70 Jahren gearbeitet und fühlt sich durch ihr eigenes Muttersein und die verschiedentlich gemachten Erfahrungen darin bestärkt, einer breiteren Masse ein psychodynamisches Verstehen nahezubringen. Dabei geht es eben nicht vorrangig darum Ratschläge zu erteilen, sondern um eine Art des Denkens, Fühlens und Verstehens. Sie versucht, die Erkenntnisse aus den Therapien mit unterschiedlichen Menschen und den Wahrnehmungen des Alltags bei sich und anderen aus dem Blickwinkel der Therapeutin zu beleuchten und verständlich zu machen, was der sich entwickelnden Psyche schadet und was sie braucht, um sich gut entwickeln zu können. Seit Juni 2017 schreibt sie daher regelmäßig auf dem Blog ihrer langjährigen Freundin Jessi, der Betreiberin von Terrorpüppi.

Sie lebt mit Mann, Kind und Katern gerade noch so in Berlin, begegnet ihrer Tochter und anderen bedürfnisorientiert und um Verstehen bemüht und setzt sich für das Wahrnehmen eigener und fremder Bedürfnisse ein, weil Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt nicht falsch sein kann, glaubt sie.

By | 2017-09-03T21:50:08+00:00 August 6th, 2017|Zum Nach- und Weiterdenken|0 Comments

About the Author:

Leave A Comment